Die Landkarte und das Wasser

Über Erfahrung, Symbolik und die Grenzen von Korrespondenzsystemen

Viele moderne magische Systeme, insbesondere jene, die aus der Tradition der Golden Dawn, Thelema und den Arbeiten Aleister Crowleys hervorgegangen sind, arbeiten mit umfangreichen Entsprechungstabellen. Tarotkarten werden Tierkreiszeichen zugeordnet, Tierkreiszeichen den Elementen, Elemente den hebräischen Buchstaben, den Planeten, den Gottheiten, den Himmelsrichtungen und zahlreichen weiteren Symbolen.

Wer zum ersten Mal auf Werke wie Liber 777 oder die verschiedenen Korrespondenztabellen der Golden Dawn stößt, kann leicht beeindruckt sein. Das System erscheint gewaltig. Alles scheint mit allem verbunden. Für jede Karte gibt es eine Zuordnung, für jedes Symbol eine Entsprechung und für jede Kraft einen Platz innerhalb eines großen kosmischen Gefüges.

Für viele Menschen liegt genau darin die Faszination der westlichen Hermetik. Die Welt erscheint nicht mehr als eine Ansammlung getrennter Dinge, sondern als ein Netz von Beziehungen. Das Tarot verweist auf die Astrologie. Die Astrologie verweist auf die Kabbala. Die Kabbala verweist auf die Elemente. Die Elemente verweisen auf die Natur, auf den Menschen und auf das Universum.

Doch genau hier beginnt eine wichtige Frage:
Führen diese Systeme zu einer tieferen Erfahrung der Wirklichkeit oder führen sie vor allem zu einer immer komplexeren Beschreibung der Wirklichkeit? Die Stärke solcher Systeme liegt zweifellos darin, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Sie schaffen Ordnung. Sie bieten Orientierung. Sie liefern eine gemeinsame Sprache für Menschen, die sich mit Magie und Mystik beschäftigen. Gleichzeitig bergen sie eine Gefahr. Die Gefahr besteht darin, die Landkarte mit dem Gelände zu verwechseln.

Eine Landkarte kann äußerst nützlich sein. Sie kann zeigen, wo sich ein Fluss befindet, wo ein Berg liegt und welche Wege dorthin führen. Doch keine Landkarte der Welt kann den Fluss ersetzen. Keine Karte kann die Kälte des Wassers vermitteln. Keine Karte kann zeigen, wie sich eine Strömung tatsächlich anfühlt. Keine Karte kann die Erfahrung des Windes auf der Haut oder die Stille eines Waldes in der Nacht vermitteln.

Genauso verhält es sich mit vielen magischen Korrespondenzsystemen. Man kann sämtliche Zuordnungen zwischen Tarot, Astrologie, Kabbala und Elementen auswendig kennen und dennoch nie eine lebendige Beziehung zu den Kräften entwickelt haben, die hinter diesen Symbolen stehen sollen.

Deshalb gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen Wissen über etwas und Wissen durch etwas.

Nehmen wir als Beispiel das Element Wasser.

Wissen über Wasser bedeutet:

  • astrologische Zuordnungen kennen
  • Tarotkarten zuordnen können
  • hebräische Buchstaben auswendig wissen
  • magische Korrespondenzen studieren
  • philosophische Beschreibungen lesen
  • traditionelle Bedeutungen wiedergeben können

Wissen durch Wasser bedeutet:

  • an einem Fluss gesessen zu haben
  • im Regen gestanden zu haben
  • die Kraft einer Strömung gespürt zu haben
  • beobachtet zu haben, wie Wasser Hindernisse nicht bekämpft, sondern umfließt
  • wahrgenommen zu haben, wie die eigene Stimmung sich wie Wasser verändert
  • erkannt zu haben, wo im eigenen Leben etwas fließt und wo etwas stagniert
  • erlebt zu haben, wie Nachgiebigkeit manchmal stärker sein kann als Widerstand
  • erfahren zu haben, wie Tiefe und Stille zusammengehören

Das zweite kann das erste bestätigen. Das erste kann das zweite niemals ersetzen.

Dabei geht es nicht nur um das äußere Wasser. Niemand wird durch das bloße Betrachten eines Baches automatisch zum Mystiker oder Magier. Das äußere Wasser ist lediglich der Spiegel eines inneren Prinzips.

Wer Wasser wirklich studiert, beginnt irgendwann zu erkennen, dass Wasser mehr ist als eine physische Substanz. Es offenbart ein Prinzip von Bewegung, Anpassung, Tiefe, Verbindung, Auflösung von Widerständen und stiller Beharrlichkeit.

Der Fluss außerhalb wird zum Spiegel des Flusses im Menschen.
Die spirituelle Erfahrung entsteht nicht aus der Tabelle, sondern aus der Begegnung.
Die Tabelle kann helfen, die Erfahrung zu ordnen. Sie kann die Erfahrung jedoch nicht ersetzen.

Genau an diesem Punkt stellt sich eine weitere wichtige Frage:
Woher stammen diese Zuordnungen eigentlich?

Viele Menschen begegnen den Tabellen der Golden Dawn oder Crowleys Liber 777 mit einer Selbstverständlichkeit, als würden sie uralte und unveränderliche Wahrheiten enthalten.

Historisch betrachtet ist dies jedoch nur teilweise richtig.

Die Elemente sind alt.
Die Astrologie ist alt.
Die Kabbala ist alt.
Das Tarot ist alt.

Doch die systematische Verknüpfung all dieser Bereiche zu einem einzigen umfassenden Entsprechungssystem entstand weitgehend im 19. Jahrhundert innerhalb der Hermetic Order of the Golden Dawn.

Bereits Eliphas Lévi begann im 19. Jahrhundert, Tarot und Kabbala miteinander zu verbinden. Die Golden Dawn entwickelte daraus später ein wesentlich komplexeres System, in dem die 22 Großen Arkana den 22 hebräischen Buchstaben und den 22 Pfaden des kabbalistischen Lebensbaumes zugeordnet wurden. Später wurden diese Systeme von Crowley übernommen, erweitert und in Werken wie Liber 777 zusammengetragen.

Interessanterweise übernahm Crowley jedoch nicht jede Zuordnung unverändert. Ein bekanntes Beispiel findet sich in seiner Interpretation des Satzes „Tzaddi is not the Star“ aus Liber AL vel Legis. Aufgrund dieser Aussage nahm Crowley Veränderungen an bestimmten traditionellen Zuordnungen innerhalb des Golden-Dawn-Systems vor, insbesondere im Zusammenhang mit den Karten Der Stern und Der Kaiser.

Allein diese Tatsache zeigt bereits, dass wir es nicht mit unumstößlichen Naturgesetzen zu tun haben. Wenn eine Zuordnung verändert werden kann, dann war sie offensichtlich nie in derselben Weise feststehend wie ein Naturgesetz. Das bedeutet nicht, dass die Zuordnungen falsch sind. Es bedeutet aber, dass man sie hinterfragen darf und vielleicht sogar hinterfragen sollte.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel.

Im System der Golden Dawn und später bei Crowley wird die Tarotkarte „Tod“ dem Tierkreiszeichen Skorpion zugeordnet. Eine häufige Begründung lautet, dass beide für Transformation, Wandel und Wiedergeburt stehen.

Das ist durchaus nachvollziehbar. Doch zugleich stellt sich die Frage, warum gerade dieser Aspekt hervorgehoben wird. Der Skorpion wurde in verschiedenen astrologischen Traditionen ebenso mit Leidenschaft, Sexualität, Macht, Intensität, Instinkt, Geheimnissen oder tiefen Triebkräften verbunden. Warum wird ausgerechnet Transformation zur zentralen Eigenschaft erklärt, während andere Aspekte in den Hintergrund treten?

Oder betrachten wir die vier magischen Tugenden:

  • To Know
  • To Will
  • To Dare
  • To Keep Silence

Warum soll Wassermann mit „To Know“ verbunden sein? Warum nicht Merkur? Warum nicht Luft allgemein? Warum nicht Zwillinge?

Die jeweilige Zuordnung ergibt sich nicht zwingend aus der Naturbeobachtung allein, sondern beruht auf einer bestimmten symbolischen Interpretation. Es handelt sich um Interpretationen. Möglicherweise sehr gute Interpretationen. Aber dennoch um Interpretationen.

Genau hier wird häufig ein entscheidender Unterschied übersehen:

Liber 777 beweist diese Zuordnungen nicht.
Liber 777 sammelt sie.

Das Werk dokumentiert die Sichtweise einer bestimmten magischen Tradition. Es beweist nicht, dass diese Sichtweise die einzig mögliche oder endgültig richtige ist.

An diesem Punkt berührt die Diskussion eine noch tiefere Frage.

Was geschieht eigentlich, wenn der Mensch beginnt, überall Bedeutungen zu suchen?
Die Zahl Sieben wird mit den sieben Planeten verbunden. Dann mit den sieben Tagen der Woche. Dann mit den sieben Chakren. Dann mit sieben Stufen eines Weges. Dann mit sieben Toren oder sieben Kräften. Plötzlich entsteht ein Netz von Beziehungen.

Doch der menschliche Geist besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit:

Er findet Muster. Oft sogar dort, wo gar keine objektive Verbindung existiert. Das bedeutet nicht, dass alle Symbolik bedeutungslos wäre. Es bedeutet lediglich, dass das Finden einer Verbindung noch kein Beweis dafür ist, dass diese Verbindung objektiv existiert.

Der Mensch ist eine Bedeutungsmaschine.

Er gibt Zahlen Bedeutung.
Farben.
Tieren.
Sternen.
Träumen.
Wolken.
Geräuschen.
Zufällen.

Das kann inspirierend, kreativ und spirituell wertvoll sein. Es kann aber auch dazu führen, dass man sich immer tiefer in einer Welt von Bedeutungen verliert und sich gleichzeitig immer weiter von der unmittelbaren Erfahrung entfernt. Genau hier liegt vielleicht der eigentliche wunde Punkt vieler Korrespondenzsysteme.

Nicht die Frage, ob sie falsch sind.
Sondern die Frage, ob sie den Suchenden dazu verleiten, Bedeutung mit Wirklichkeit zu verwechseln. Denn die vielleicht wichtigste Frage lautet nicht, ob eine bestimmte Zuordnung richtig oder falsch ist.

Die wichtigere Frage lautet:
Was geschieht mit der Wahrnehmung des Schülers, wenn er diese Zuordnungen übernimmt? Jedes Symbolsystem beeinflusst die Art und Weise, wie wir die Welt betrachten. Das ist seine Stärke, aber zugleich auch seine Gefahr. Wenn ein Schüler von Anfang an lernt, dass Wasser dies bedeutet, Feuer jenes bedeutet und eine bestimmte Tarotkarte zwingend mit einem bestimmten Prinzip verbunden sei, dann beginnt er oft unbewusst, seine Erfahrungen durch die Brille des Systems zu interpretieren. Er macht dann nicht mehr unbedingt seine eigene Erfahrung. Er macht die Erfahrung, die das System ihm nahelegt. Die Tabelle wird zum Filter zwischen Mensch und Wirklichkeit. Dadurch kann etwas verloren gehen, das für jeden ernsthaften spirituellen Weg von zentraler Bedeutung ist:

Die unmittelbare Begegnung. Der Schüler begegnet nicht mehr zuerst dem Element. Er begegnet zunächst der Beschreibung des Elements. Er begegnet nicht mehr zuerst dem Symbol, das spontan aus seiner Erfahrung entsteht. Er begegnet zuerst dem Symbol, das bereits von anderen festgelegt wurde.

Gerade deshalb sollte man den Mut haben, die eigene Erfahrung ernst zu nehmen, selbst dann, wenn sie von einer traditionellen Zuordnung abweicht. Wenn jemand jahrelang mit Wasser arbeitet und darin andere Qualitäten entdeckt als jene, die in einer Tabelle beschrieben werden, sollte diese Erfahrung nicht vorschnell verworfen werden.

Denn jede lebendige Tradition ist ursprünglich genau so entstanden. Nicht durch Übernahme. Sondern durch Erfahrung.

Interessanterweise berührt dieser Gedanke sogar einen Kern von Thelema selbst.

Wenn der wahre Wille etwas Einzigartiges und Individuelles ist, wenn jeder Mensch seinen eigenen Weg finden soll, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, ob nicht auch die symbolische Sprache, durch die ein Mensch die Welt erfährt, zumindest teilweise aus seiner eigenen Begegnung mit der Wirklichkeit entstehen sollte.

Denn wie soll ein Mensch seinen eigenen Weg finden, wenn er von Anfang an nur die Symbole, Bedeutungen und Korrespondenzen anderer übernimmt?

Eine Tradition kann Orientierung geben. Sie kann Hinweise geben. Sie kann Türen öffnen. Doch wenn sie die eigene Wahrnehmung ersetzt, wird sie zum Käfig. Dann lernt der Schüler nicht mehr, die Welt zu sehen. Er lernt nur noch, die Welt so zu sehen, wie die Tabelle sie beschreibt.

Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe des Magiers nicht darin, möglichst viele Korrespondenztabellen auswendig zu lernen. Vielleicht besteht sie darin, so aufmerksam zu beobachten, dass er selbst erkennt, welche Symbole, Bilder und Bedeutungen sich aus seiner unmittelbaren Begegnung mit der Wirklichkeit ergeben.

Vielleicht lässt sich auch der Unterschied zwischen Bedeutung und Erfahrung am deutlichsten an der Liebe erkennen.

Ein Mensch kann Hunderte Bücher über Liebe lesen.
Er kann philosophische Abhandlungen studieren.
Er kann psychologische Modelle lernen.
Er kann Liebesgedichte analysieren.
Er kann die Symbolik der Rose verstehen, die Venus im Horoskop deuten oder die Bedeutung bestimmter Zahlen und Archetypen erforschen.

All das mag wertvoll sein. Doch nichts davon ist Liebe. Liebe beginnt nicht in der Beschreibung. Liebe beginnt in der Erfahrung.

Ein Mensch, der liebt, muss die Liebe nicht mehr erklären. Er erlebt sie. Er trägt sie. Er wird von ihr verändert. Die Beschreibung kann auf die Erfahrung hinweisen. Sie kann sie vertiefen. Sie kann helfen, sie zu verstehen. Doch sie kann sie niemals ersetzen. Genauso verhält es sich mit den Elementen, mit spirituellen Kräften und letztlich mit jedem lebendigen Weg. Man kann unzählige Bedeutungen sammeln, ohne jemals berührt worden zu sein. Man kann tausend Symbole kennen und dennoch nie eine wirkliche Begegnung erlebt haben.

Die Erfahrung verändert den Menschen.
Die Beschreibung beschreibt lediglich die Veränderung.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Wissen und Weisheit.
Wissen beschreibt das Feuer.
Weisheit wurde von ihm gewärmt.
Wissen beschreibt das Wasser.
Weisheit ist durch den Fluss gegangen.
Wissen beschreibt die Liebe.
Weisheit hat geliebt.

Oder:

Der Anfänger sucht Bedeutung.
Der Gelehrte sucht Zusammenhänge.
Der Erfahrende sucht Begegnung.
Der Integrierte wird selbst zum Ausdruck dessen, was er sucht.
Dann muss Wasser nicht mehr erklärt werden.
Dann fließt man.
Dann muss Feuer nicht mehr symbolisch entschlüsselt werden.
Dann handelt man.
Dann muss Erde nicht mehr analysiert werden.
Dann steht man stabil.
Dann muss Luft nicht mehr interpretiert werden.
Dann erkennt man.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen einer Magie der Tabellen und einer Magie der Begegnung. Die eine beschreibt die Welt. Die andere begegnet ihr. Die eine sammelt Bedeutungen. Die andere verwandelt den Menschen.

Und vielleicht beginnt wahre Magie genau dort, wo die Landkarte endet und der Weg unter den eigenen Füßen beginnt.

Frater Nexus L∴ A∴

(Dieser Artikel darf frei weitergegeben und veröffentlicht werden, sofern er unverändert bleibt und die Autorenangabe erhalten wird.)

Kontakt: nexus@fraternexus.de

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